26.02.2026 | Rund 300 Beschäftigte stellen bei Joyson Safety Systems in Freiberg Generatoren für die Aibags her. Der Zulieferer für die Automobilindustrie ist Teil eines international agierenden Konzerns mit 44.000 Beschäftigten an 60 Standorten in 22 Ländern. Ein Interview mit Bernd Richter, Betriebsratsvorsitzender bei Joyson Safety Systems Sachsen Freiberg.
Wie ist die Stimmung vor den Betriebsratswahlen bei Joyson Safety Systems Sachsen Freiberg?
Die Stimmung ist etwas getrübt, weil die wirtschaftliche Lage in der Automobilbranche gerade stagniert. Das spüren wir auch als Generatorenwerk. Die Stimmung ist nicht hoffnungslos, aber eingetrübt. Uns treibt die Sorge um, wie es weitergeht.
Wann habt ihr den ersten Betriebsrat gewählt?
2019 haben wir unseren ersten Betriebsrat hier am Standort gewählt. Wir waren als Beschäftigte nicht zufrieden, wie es hier im Werk gelaufen ist. Viele Entscheidungen der Geschäftsführung waren nicht nachvollziehbar. Es gab einiges an Durcheinander. Wir hatten Sorge, dass irgendwann alles an die Wand gefahren wird.
Wann habt ihr eure Tarifbindung mit einem Haustarifvertrag durchgesetzt?
2023 hat die IG Metall gemeinsam mit uns einen Haustarifvertrag verhandelt. Grundlage dafür waren unsere Aktionen im Betrieb; und wenn es notwendig gewesen wäre, hätten wir auch streiken können.
War es schwer, Kandidierende für den Betriebsrat zu finden?
Es war nicht schwer, aber viele Kolleginnen und Kollegen können sich noch nicht gut vorstellen, was Betriebsratsarbeit ausmacht. Diese Unsicherheit kann ich aber den Kollegen gut nehmen, denn wir haben ja 2019 bei Null angefangen. Die Erfahrung ist jetzt da und neue Leute können wir gut einbinden. Aus Altersgründen fallen immer mal wieder Leute raus, aber wir finden dann Jüngere, die miteinsteigen. Wir haben jetzt viele neue Kandidierenden dazu gewinnen können und werden eine Persönlichkeitswahl durchführen. Gewählt wird bei uns im April ein Neuner-Gremium.
In unserer zweiten Legislatur hatten wir das Problem, dass sich der Arbeitgeber ein paar Leute ausgesucht hat, die uns vorführen wollten. Wir mussten dann neu wählen, damit wir als Betriebsrat arbeiten konnten. Wir haben uns mit unseren besseren Betriebsräten durchgesetzt.
Bei euch gibt es auch eine lebendige Vertrauensleute-Kultur?
Ja, wir haben richtig gute, aktive Vertrauensleute. Die haben richtig Bock und ich kann mich auf sie außerhalb des Gremiums richtig gut verlassen.
Welche Erfolge habt ihr in der letzten Legislatur als Betriebsrat erzielt?
Natürlich der Haustarifvertrag, denn wir haben großartiges erreicht: eine Entgeltsteigerung. Wir hatten im Werk immer ein Bonus-System, aber die Boni schlagen sich nicht in den Rentenpunkten nieder. Deswegen fließt jetzt der Bonus ins Entgelt rein. Dann haben wir ein Urlaubs- und Weihnachtsgeld durchgesetzt. Für das Urlaubsgeld sind wir aber auch mit einem Warnstreik vor das Tor gegangen. Wir haben in den letzten Jahren einige gute Betriebsvereinbarungen zu Mehrarbeit, Home Office und betriebliches Eingliederungsmanagement abgeschlossen.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit der IG Metall?
Wir sind hier im Werk gut organisiert und werden gut von der IG Metall unterstützt. Wenn wir ein Problem haben, erhalten wir sofort Unterstützung. Wir nutzen beispielsweise auch die Seminare der IG Metall zur Fortbildung. Da stimmt alles.
Welche Themen bewegen die Kolleginnen und Kollegen im Betrieb derzeit am meisten?
Die Sorge ist bei den Leuten da. Wenn wir weniger Generatoren bauen, braucht das Werk natürlich auch weniger Personal. Aber bis jetzt ist klar, dass der Personalabbau strukturiert stattfinden soll, also weniger Leiharbeitnehmer, Altersteilzeit, Regelrenteneintritt und den befristeten Beschäftigten, wenn möglich, freie Plätze anbieten.
Wie empfindest du die Betriebsratsarbeit?
Gerade in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ist ein guter Betriebsrat unverzichtbar, denn das, was wir gerade erleben, fordert die Betriebsräte heraus. Die Kolleginnen und Kollegen haben im Privaten und im Betrieb Nöte und Sorgen. Wir bieten jedem an, dass wir als Betriebsrat Gespräche mit dem Arbeitgeber begleiten. Unsere Kolleginnen und Kollegen bedanken sich dafür, dass wir da sind und unterstützen.
Warum würdest du Kollegen empfehlen, mitzumachen?
Wer Betriebsrat wird, kann mitbestimmen. Dann kann der Arbeitgeber nicht einfach etwas umsetzen, sondern er muss bestimmte Regeln beachten. Es macht viel aus, wenn das Gremium mit der Belegschaft zusammenhält und sich einsetzt.
Wie würdest du Betriebsratsarbeit beschreiben?
Oft werde ich gefragt, was Betriebsräte so machen. Ich würde sagen: Vom Menschen aus denken und gut zuhören. Das Handwerkszeug wie Arbeitsrecht und Tarifpolitik können wir in den Seminaren draufsatteln.
Joyson Safety Systems ist u.a. als Zulieferer der Automobilindustrie breit aufgestellt und beliefert nahezu alle großen Autohersteller. Der international agierende Konzern hat nach eigenen Angaben weltweit rund 44 000 Beschäftigte an etwa 60 Standorten in 22 Ländern. Der Hauptsitz befindet sich in Auburn Hills im US-Bundesstaat Michigan. Am Standort in Freiberg arbeiten rund 300 Beschäftigte.
Das Interview führte Andrea Weingart