Betriebsratswahlen

Siemens WKC: Mit Betriebsakademie Fachkräfte qualifizieren

11.03.2026 | Rund 1.500 Beschäftigte können ab 17. März ihren Betriebsrat bei Siemens in Chemnitz wählen. Mitbestimmung hat bei Siemens einen hohen Stellenwert. Die Betriebsratswahl zeigt, wie wichtig gelebte Demokratie im Arbeitsalltag ist: Beschäftigte gestalten ihre Arbeitsbedingungen aktiv und gemeinsam mit. Das Betriebsratsteam hat in den letzten Jahren gute Erfolge erzielt. Von der Betriebsratsakademie für die Weiterqualifizierung von Quereinsteigern bis zur 35-Stundenwoche berichten Heiko Häßler, Betriebsratsvorsitzender und Mitglied im Gesamtbetriebsrat der Siemens AG und Thomas Kaufmann, freigestellter Betriebsrat und Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall Chemnitz.

Heiko Häßler, Betriebsratsvorsitzender, sowie Mitglied im Gesamtbetriebsrat der Siemens AG und Thomas Kaufmann, freigestellter Betriebsrat und Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall Chemnitz - Foto: IG Metall

Wann wird bei Siemens gewählt? Wie viele Kandidierende treten an?

Thomas: Wir wählen bei Siemens vom 17. bis 19. März ein 17-er Gremium gewählt. Für die Aufstellung zum Betriebsrat konnten wir 33 Kolleginnen und Kollegen gewinnen. Uns ist wichtig, dass aus allen Bereichen Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat vertreten sind, um ein breites Bild über den gesamten Betrieb zu haben. Denn die Belange der Kolleginnen und Kollegen sind vielfältig – die Herausforderungen in der Produktion unterscheiden sich naturgemäß deutlich von denen im Angestelltenbereich.

Wie steht es um die Mitbestimmung bei Siemens?

Heiko: Die Mitbestimmung hat innerhalb der Siemens AG einen hohen Stellenwert. Wir arbeiten auf allen Ebenen vertrauensvoll und partnerschaftlich zusammen – sowohl in den örtlichen Betriebsratsgremien als auch im Gesamtbetriebsrat, in dem die unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven der Belegschaft zusammengeführt werden. Dieses Zusammenspiel ist ein zentraler Bestandteil unserer gelebten innerbetrieblichen Demokratie und ermöglicht es, Themen frühzeitig, transparent und gemeinsam anzugehen.

Alle Betriebsratsvorsitzenden unserer deutschen Standorte treffen sich einmal pro Quartal mit dem für unsere Division verantwortlichen Vorstand, um die aktuelle Lage in den Betrieben gemeinsam zu erörtern. Dieser regelmäßige Austausch stärkt die Transparenz, fördert eine enge Zusammenarbeit und stellt sicher, dass die Anliegen der Beschäftigten frühzeitig auf höchster Ebene gehört und berücksichtigt werden.

Gibt es Vertrauensleute bei Siemens?

Thomas: Unsere Vertrauensleute sind seit einiger Zeit richtig aktiv. Sie unterstützen uns bei der Betriebsratswahl und es finden regelmäßig Treffen statt. Wir sind in einem guten Aufbau unserer Vertrauensleute-Struktur. Sicher kann an der ein oder anderen Stelle mehr getan werden, doch braucht es auch die erforderliche Zeit für die Generierung neuer Ideen. Hier nutzen wir auch das jährliche Vertrauensleutetreffen der IG Metall und ein Wochenende gestalten wir mit den Siemens-Vertrauensleuten gemeinsam. Monatlich berichte ich in einem Meeting den Vertrauensleuten über die Betriebsratsarbeit.

Wie motiviert ihr zur Wahl? Plant ihr Aktionen und besonders wichtig, welche Wahlform habt ihr?

Thomas: Wir sind mitten in der Wahlvorbereitung. Derzeit verteilen wir in allen Bereichen unseren Flyer und führen Gespräche. Dass es in diesem Jahr zu einer Listenwahl kommt, stößt in großen Teilen der Belegschaft auf Unverständnis – viele hätten sich wie gewohnt eine Persönlichkeitswahl gewünscht. Auch wir selbst hätten eine Persönlichkeitswahl bevorzugt, weil sie den individuellen Stimmen der Beschäftigten besser gerecht wird.

Um möglichst viele Beschäftigte zu erreichen, setzen wir auf eine breite Informationskampagne: Wir veröffentlichen auf Instagram ein Video unseres Listenführers. Die Vertrauensleute haben bereits mit der Verteilung von Handzetteln begonnen. Über einen QR‑Code können die Kolleginnen und Kollegen bequem die Briefwahl beantragen. Wir wollen die Wahlbeteiligung steigern. Bei der letzten Wahl im Jahr 2022 lag sie bei lediglich rund 50 Prozent und wir möchten in diesem Jahr deutlich mehr Beschäftigte dazu bewegen, ihre Stimme abzugeben und die betriebliche Demokratie aktiv mitzugestalten.

Welche Erfolge habt ihr in den letzten Jahren erarbeitet?

Thomas: Als die Benzinpreise durch die Decke gegangen sind, haben wir für die unteren Entgeltgruppen (ERA 3, 4) Tankgutscheine verhandelt. Mit einer Betriebsvereinbarung konnten wir festlegen, dass Beschäftigte mit längeren Anfahrtswegen in diesen Entgeltgruppen einen Tankgutschein erhalten. Dann haben wir die Montagesätze angepasst. Wir haben eine Prämien-Vereinbarung flächendeckend geregelt. Dann noch Job Bike, eine Fahrrad-Reparaturstation an den zwei Standorten. Wir haben Bäume gepflanzt in unserem kleinen Siemens-Park im Stadtteil Gablenz.

Dann haben wir viele Kolleginnen und Kollegen im Produktionsbereich in ERA 3 überführt in ERA 4. Und dann natürlich auch diejenigen in der 4 in die 5 etc. Jetzt bilden wir in der Produktion die Entgeltstufen ERA 3 bis 6 ab.

Die Einführung der 35-Stundenwoche war ein großer Erfolg. Am 1. Oktober 2026 haben wir die 35-Stundenwoche erreicht. Gestartet sind wir mit der Einführung 2022. Die Beschäftigten haben sich gefreut, dass es bei vollem Lohnausgleich passiert. Es gibt dafür Produktivitätsmaßnahmen, mehr Auszubildende und wir haben Leiharbeitnehmende an Bord geholt, um die Stunden abzudecken.

Unser Betriebsratsvorsitzender Heiko Häßler hat das Thema Betriebsratsakademie schon lange im Blick und bei der alten Werksleitung adressiert. Es geht darum, dass wir Quereinsteiger/-innen besser qualifizieren und damit Fachkräfte ausbilden. Als wir Leiharbeitnehmende übernommen haben, hatten diese oft einen etwas zerrissenen Lebenslauf. Der Gesamtbetriebsrat hat uns auch unterstützt, da es einen Zukunftsfonds für die Weiterqualifizierung gibt. Auch die Personalabteilung hat den Sinn erkannt, dass wir etwas anbieten müssen. Die örtliche Personalabteilung hat mit dem Betriebsrat den Antrag für den Zukunftsfonds gestellt, um Gelder zu erhalten.

Aktuell sind wir im dritten Ausbildungszug der Betriebsakademie. Im ersten Zug gab es 17 Abschlüsse. Es gibt verschiedene Module, am Stück oder über eine längere Zeit. Inzwischen werden beispielsweise Robotik-Kurse und Kommunikationstrainings für alle angeboten.

Was macht gute Betriebsratsarbeit aus und wie ist eure Zusammenarbeit?

Thomas: Für mich steht ganz klar der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen im Mittelpunkt. Ich bin in den Büros und Fertigungshallen unterwegs, suche das direkte Gespräch und nehme die Stimmung und die Themen auf, die die Menschen wirklich bewegen. Die Belegschaft erwartet völlig zu Recht, dass wir Betriebsräte sichtbar und ansprechbar sind. Nah dran zu sein bedeutet: zuhören, Sorgen ernst nehmen und konkrete Punkte mitnehmen. Das sind dann unsere ‚Hausaufgaben‘, an denen wir im Betriebsrat weiterarbeiten. Wir ergänzen uns gut. Heiko kümmert sich viel um die Schnittstellen nach außen er hält die Kontakte zu anderen Gremien und bringt die strategischen Themen in übergeordnete Runden ein. Ich bin stärker im Inneren unterwegs: in der täglichen Nähe zur Belegschaft, im Austausch direkt am Arbeitsplatz. So bilden wir ein Team, das sowohl die großen Linien als auch die konkreten Anliegen der Menschen im Blick behält.

Welche Themen will eure Liste bearbeiten?

Heiko: Wir werden stark am Thema Standortsicherung arbeiten: Gibt es neue Produkte am Standort und auch eine Arbeitsplatzbeschreibung für das gesamte Werk. Weiterhin stehen Themen wie vorausschauende Personal- und Qualifizierungsplanung auf der Agenda, Übernahme unserer Auszubildenden und Dual Studierenden, Fortführung der Altersteilzeit und u.a. auch die Förderung des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Wie arbeitet ihr mit der IG Metall zusammen?

Thomas: Ich bin Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall Chemnitz, daher bin ich der Ansprechpartner. Die Zusammenarbeit hat sich sehr deutlich verbessert. Es kommt frischer Wind rein mit neuen Aktionen, neue Ansprache-Formate und neue Ideen. Wir haben hier sehr gute Arbeitsbedingungen und eine gute Mitbestimmung. Manchmal hilft mir auch der Austausch mit anderen Betriebsratsgremien in der Region, um mich zu erden. Verglichen mit anderen Betrieben geht es uns gut. Und Probleme können wir vor Ort gut lösen.

Was ist dir noch wichtig?

Thomas: Wir arbeiten als Betriebsratsteam gut und eng zusammen. Auch wir als Freigestellte. Wichtig ist mir, dass Betriebsratsarbeit eine Gemeinschaftsleistung ist.

Hintergrund:

Das Siemens Werk für Kombinationstechnik Chemnitz (WKC) entwickelt und fertigt kundenspezifische elektrische Ausrüstungen für den Maschinen- und Anlagenbau. Dabei entstehen jährlich tausende individuelle Schaltschränke und Kleingehäuse, meist in Losgröße 1, was das Werk zu einem europäischen Marktführer im Schaltschrankbau macht. Grundlage der hocheffizienten Fertigung ist ein durchgängiger digitaler Zwilling, der von der Konstruktion bis zur Produktion alle Daten vernetzt und automatisiert nutzbar macht. Zudem verfügt der Standort über ein eigenes Maschinen- und Technologiezentrum, in dem Kunden ihre Lösungen testen und weiterentwickeln können.

Das Interview führte Andrea Weingart.

Von: aw

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