18.05.2026 | Der Sturm auf die Gewerkschaftshäuser in ganz Deutschland am 2. Mai 1933 gehört zu den dunkelsten Tagen für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden von SA-Kommandos misshandelt, verhaftet, verschleppt und in Zuchthäusern und Konzentrationslager gebracht. Am 18. Mai wurden drei Bücher, die von den Nazis geraubt wurden, an die IG Metall Chemnitz zurückgegeben.
1933 wurden die Gewerkschaftshäuser vielerorts von der SA geplündert und verwüstet. Freie Gewerkschaften wurden verboten. Chemnitz war zu dieser Zeit als Industriestandort ein bedeutender Standort der Arbeiterbewegung.
Im Rahmen ihrer Provenienzforschung konnten die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB Dresden) und die Stadtbibliothek Burgstädt drei Bücher identifizieren, die dem damaligen Deutschen Metallarbeiter-Verband Chemnitz (DMV) in der NS-Zeit verfolgungsbedingt geraubt wurden. Diese wurden an die IG Metall Chemnitz als Rechtsnachfolgerin restituiert. Eddie Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Chemnitz, hat die Bücher den Bibliotheken als Schenkung überlassen.
„Wir freuen uns über den Fund der drei Bücher, die 1933 von den Nazis aus der Gewerkschaftsbibliothek geraubt wurden“; so Eddie Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Chemnitz. „Und wir überlassen sie gerne den Bibliotheken, denn dort sind sie in guten Händen und stehen der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.“
Beim Pressetermin gemeinsam mit dem Ortsvorstand berichtete er: „Das Gewerkschaftshaus in der Augustusburger Straße de allerdings am 2. Mai 1933 nicht überfallen und geplündert. Das Haus wurde 1920 von dem Deutschnationalen Handlungsgehilfen Verband (DHV) erbaut. Bis 1933 wurde das Haus als Ortsgruppenheim genutzt. Der DHV hatte sich schon sehr früh zur NSDAP bekannt und mit Wahlaufrufen hatte er die Nazis unterstützt. 1934 wurde der DHV trotzdem aufgelöst. Das Gewerkschaftshaus wurde dann bis Kriegsende 1945 Sitz der Deutschen Arbeitsfront Chemnitz – dem Einheitsverband der Nationalsozialisten.“
Nach der Enteignung im Mai 1933 gingen die Bibliotheksbestände in den Besitz der Deutschen Arbeitsfront, der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft, über. Aufgrund des verfolgungsbedingten Entzugs während der NS-Zeit sind Bücher mit Eigentumsvermerken des DMV Chemnitz als NS-Raubgut zu bewerten.
Von März bis Juli 1946 hat der Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) die im zerstörten Berlin verbliebenen Bestände der DAF-Zentralbibliothek geborgen. Aus diesem Grundstock entstand 1949 eine Zentralbibliothek der Gewerkschaften, die ihren Platz im Berliner Gewerkschaftshaus Unter den Linden 15 fand und dort bis zur deutsch-deutschen Wende 1989/90 verblieb.
Über die Jahrzehnte hatte die Zentralbibliothek des FDGB wiederholt Dubletten (Doppelstücke) aussortiert, die in der Regel der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände oder dem Zentralantiquariat der DDR in Leipzig angeboten wurden, aber auch anderen Antiquariaten oder Einrichtungen der DDR.
Auf diese Weise wurden die Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek des DMV Chemnitz auch nach 1945 über Zwischenstationen verteilt und gelangten in Bestände der SLUB Dresden und der Stadtbibliothek Burgstädt.
Jana Kocourek, Abteilungsleiterin Handschriften, Alte Drucke, Landeskunde, SLUB Dresden, Elisabeth Geldmacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin Provenienzforschung, SLUB Dresden und Mitarbeitern in der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken, Dr. Petra Kirrbach, 1. stellv. Bürgermeisterin Burgstädt und Lydia Oeser, Leiterin der Stadtbibliothek Burgstädt, berichten über den Fund und die Restitution der drei Bücher.
Im Bestand der Sächsischen Landesbibliothek, einer der beiden Vorgängereinrichtungen der SLUB Dresden, konnten zwei Bücher mit einem Stempel der Verwaltungsstelle Chemnitz des DMV identifiziert werden. Eines ging als Geschenk am 22. Juni 1961 von der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände zu. Das zweite Buch erwarb sie am 21. Oktober 1977 beim Zentralantiquariat Leipzig. Das in der Stadtbibliothek Burgstädt befindliche Buch ging als Teil eines Nachlasses 2007 in den Bestand ein. Aufgrund der Zerstreuungshistorie der Gewerkschaftsbibliotheken seit 1933 legen die ebenfalls in den Büchern enthaltenen Besitzspuren des Parteiarchivs der NSDAP nahe, dass die Bücher dem DMV Chemnitz verfolgungsbedingt während der NS-Zeit entzogen worden waren.
Die Recherche zur Herkunft der Bücher aus dem Bestand der Sächsischen Landesbibliothek, die nach 1945 zugegangen sind, erfolgte in einem Provenienzforschungsprojekt von 2017 bis 2020. In einem aktuellen Projekt, das sich der Ermittlung von Erbberechtigten zu 300 NS-Raubgut-Fällen widmet, konnte die IG Metall Chemnitz als Rechtsnachfolgerin des DMV Chemnitz identifiziert und die Restitutionsbemühungen aufgenommen werden.
In der Stadtbibliothek Burgstädt wurde das Buch infolge eines Erschließungsprojektes des dortigen Historischen Altbestandes identifiziert. Die Provenienzforschung erfolgte federführend durch die Koordinierungsstelle für Provenienzforschung (2021 – 2025) an der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken.
Mehr Informationen in der Pressemitteilung der SLUB anbei.
Berichterstattung:
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