Betriebsratswahlen

Betriebsratswahl unter extremen Bedingungen bei IAV in Stollberg

13.03.2026 | Jeder dritte Beschäftigte bangt beim Entwicklungsdienstleister IAV in Stollberg um seinen Arbeitsplatz. Die Geschäftsführung hat weitere drastische Maßnahmen angekündigt. Die Belegschaft hält mit der IG Metall dagegen. Wie läuft eine Betriebsratswahl in solchen Zeiten? Ein Interview mit Ingo Lath, Betriebsratsvorsitzender bei IAV in Stollberg.

Protestaktion bei IAV am 24. Februar 2026 - Foto: IG Metall

Ingo Lath, Betriebsratsvorsitzender bei IAV in Stollberg - Foto: IG Metall

Ingo, Du warst am 28. Januar eingeladen in der Fernsehsendung „Fakt ist…“. Konntest du den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer auf eure Sorgen am Standort aufmerksam machen?

Ja, zumindest habe ich seine Antwort in der Sendung so verstanden. Noch am selben Abend habe ich mich an den Pressesprecher von Michael Kretschmer gewandt. Inzwischen steht der Termin:  Am 27. März empfängt uns der Ministerpräsident in der Staatskanzlei. Es geht darum, ihm zu zeigen, welches Leistungsspektrum wir anbieten. Und um ihm zu erläutern, was es bedeuten würde, wenn wir ein Drittel der Belegschaft verlieren würden – auch für die Region. Eine Ingenieurgesellschaft kann auch außerhalb der Automotive-Welt aktiv werden. Unser Wissen und die Möglichkeiten sind sehr speziell und tiefgründig: Automobilentwicklung in allen Facetten wie Autonomes Fahren, Antriebsstrang-, Hard- und Softwareentwicklung. Andererseits ist unser breites Kompetenzspektrum universell einsetzbar, auch für andere Industriezweige.

Wir brauchen die politische Unterstützung, um das Wissen in der Region zu halten, neue Verbindungen aufzubauen und Nägel mit Köpfen zu machen. Wir müssen die Leute zusammenbringen und als Belegschaft, als sächsische Gesellschaft die großen massiven Herausforderungen angehen. Dazu brauchen wir das Wissen und die Fähigkeiten aller.

Welche Themen werden in der Belegschaft gerade diskutiert?

Über allem schwebt der von der Geschäftsführung geplante massive Stellenabbau bzw. das Szenario der Standortschließung. Perspektivisch könnte das alle Beschäftigten betreffen, denn die Wissens- und Leistungssubstanz von IAV beruht auf der interdisziplinären Zusammenarbeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Solch ein massiver Abbau wäre kein gesundes Schrumpfen, es wäre eine Amputation dieser Substanz. Die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens nimmt mit jedem Kompetenz- und Wissensträger, der unser Unternehmen verlässt, ab.

Kann der Betriebsrat in einer solchen Situation etwas dagegenhalten?

Als Betriebsrat können wir in Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite treten. Wir können uns auf die bestehenden Vereinbarungen berufen und versuchen, Betriebsvereinbarungen abzuschließen. Allerdings sind die Mittel des Betriebsrats deutlich begrenzt. Nicht immer können Entscheidungen der Arbeitgeberseite verhindert werden, aber wir stehen als Gremium zusammen und können Einiges rausholen und abwenden.

Ihr habt am 3. März euren Betriebsrat gewählt?

Wir haben mit einer guten Wahlbeteiligung am 3. März in einer Persönlichkeitswahl unser 13-er Gremium gewählt. Es hatten sich 25 Kandidierende zur Wahl gestellt. Alle gewählten Betriebsrätinnen und Betriebsräte sind IG Metaller/-innen.

Wie unterstützt euch die IG Metall?

Die IG Metall steht fest an unserer Seite. Das ist essenziell für unsere Durchsetzungsfähigkeit und wir sind sehr froh über die Unterstützung und den guten, konstruktiven Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der IG Metall.

Hatten eure Kolleginnen und Kollegen überhaupt einen Kopf für die Betriebsratswahl?

Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr motiviert und das Interesse hatte in den letzten Monaten sehr zugenommen. Wir haben in den letzten Jahren viele Vertrauensleute und Mitglieder gewinnen können. Das heißt wir sind Viele und das hilft gerade sehr. Als Betriebsrat müssen wir bestimmte gesetzliche Rahmenbedingungen einhalten. Die Vertrauensleute können freier agieren, da sie die Gewerkschaft im Unternehmen vertreten. Wir sind gemeinsam stark im Unternehmen.

Wie habt ihr es geschafft, neben den Aktionen und Aktivitäten gegen den Abbau von Arbeitsplätzen noch einen Wahlkampf zu machen?

Wir haben eine gute Aufgabenteilung in unserem 13-er Gremium. Und dazu unterstützen uns die Vertrauensleute. Die Plakate und Gestaltung hat beispielsweise der Vertrauenskörperleiter Tobias Jurk gemeinsam mit Aktiven in die Hand genommen.

Welche Erfolge konntet ihr als Betriebsratsteam in den letzten vier Jahren erreichen?

Seit zwei Jahren sind wir hier mit Abbauplänen und Standortschließungen konfrontiert. Wir halten seither dagegen. Wir konnten damals immerhin einen Interessensausgleich abschließen. Die nachhaltige Mitbestimmungskultur bei IAV hat dazu geführt, dass wir in der Vergangenheit gute Vereinbarungen treffen konnten: beispielsweise den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Wenn wir die IG Metall in den letzten Jahren nicht so eng an unserer Seite gehabt und damit heute gute Tarifverträge hätten, könnte die Geschäftsführung jetzt viel radikaler mit den Themen Stellenabbau oder Standortschließungen umgehen.

Was bedeutet ein Betriebsrat und gute Mitbestimmung für dich?

Ein Betriebsrat und eine starke Mitbestimmung sind essenziell, um die Interessen der Belegschaft durchzusetzen. Das haben viele Beschäftigte jetzt erst begriffen. Mein Appell wäre an die Kolleginnen und Kollegen: Unterstützt eure neuen Betriebsräte so, wie ihr uns in der Vergangenheit unterstützt habt! Nach der Wahl wird der neue Betriebsrat weiter für alle kämpfen.

Alle Kandidierenden sind wichtig. Ich schlage vor, dass der neue Betriebsrat nach der Wahl noch einmal eine Runde mit allen Kandidatinnen und Kandidaten durchführt, um jeden Einzelnen nach seiner Motivation und seinen Ideen zu fragen. Diese Ideen, diese Schwarmintelligenz kann das neue Gremium nutzen und mit in seine Arbeit aufnehmen.

Hintergrund zu IAV GmbH:

IAV (Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr) ist ein führender Entwicklungspartner der Automobilindustrie und spezialisiert auf Bereiche wie E-Mobilität, autonomes Fahren und Fahrzeugentwicklung. Das Unternehmen beschäftigt bundesweit rund 5.500 Mitarbeiter an fünf Standorten. Der Standort Stollberg mit rund 830 Beschäftigten gilt mit seinem umfassenden Know-how als zentraler Baustein für die Leistungsfähigkeit der Automobilregion Südwestsachsen.

Das Interview führte Andrea Weingart.

Von: aw

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